Bestandsaufnahme November 2021

Ich versuche seit Monaten diesen Beitrag zu schreiben. Und aus irgendeinem Grund hat es mich jetzt gepackt – um halb drei an einem Samstagmorgen …

Vorab ein dickes Danke

Danke an alle, die an mich gedacht haben. Auch – und gerade – wenn ich mich nicht zurückgemeldet habe. Jeder Versuch, geglückt oder ungeglückt, mit mir zu reden oder sich mit mir zu treffen, hat mir gutgetan. Hat mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin. Auch, wenn ich viel zu häufig nicht in der Lage war das zu zeigen oder gar die Einladungen anzunehmen. Es steckte nie böse Absicht dahinter. Manchmal konnte ich einfach überhaupt nicht auf oder unter Menschen. Und manchmal habe ich mir fest vorgenommen, mich zurückzumelden und es einfach vergessen.

Trotz und gerade deshalb: Danke.

Und noch eine Anmerkung vorab

Ich habe den Beitrag gerade noch mal gelesen. Und ich bin der Meinung, dass ich alles doch recht, hm, distanziert geschildert habe.

Um es zumindest einmal deutlich zu sagen: Es ging mir dieses Jahr teilweise richtig dreckig.

Und mir ging es wie vielen Depressiven: Ich hatte das Gefühl, anderen eine Last zu sein. Was es sehr sehr sehr schwierig machte, Hilfe anzunehmen, wenn sie von sich aus angeboten wurde. Und selbst um Hilfe zu bitten, das war noch einige Schwierigkeitsgrade drüber.

Dann doch lieber Maske auf und irgendwie weitermachen.

Rein kopfmäßig weiß ich, dass so zu leben, wie ich gerade lebe, mich so zu verhalten, wie ich mich gerade mir selbst und anderen gegenüber verhalte, keine Option ist. Schon gar nicht auf Dauer. Aber ich fühle es nicht. Oder wenn doch, dann am ehesten Scham darüber, mal wieder etwas nicht getan zu haben. Und Scham führt eher dazu, dass ich mich noch stärker zurückziehe. Vielleicht kennst du das ja selbst. Wenn nicht: Ich bin ein bisschen neidisch auf dich 😉

Depressionsbiografischer Schnelldurchlauf

Als Überblick, wenn wir uns noch nicht so lange kennen oder wir uns länger aus den Augen verloren haben. Und als Auffrischung für mich und alle anderen.

In grauer Vorzeit

Seit Anfang zwanzig, also seit Anfang der 1990er Jahre, immer mal wieder depressive Episoden von Tagen bis Wochen. Unerkannt, undiagnostiziert und teilweise mich krassen Sinnkrisen gekoppelt.

Seit Mitte der 2010er Jahre

2013Der schlimmste Absturz bis zu diesem Punkt. Teilweise überhaupt nicht handlungsfähig. Komme da wieder alleine raus, nehme mir aber vor, mir professionelle Hilfe zu suchen, falls es noch mal passiert.
2014Krebsdiagnose und Tod meines Vaters. Die Diagnose haut mich wieder um, schlimmer als vorher. Suche mir eine Psychotherapeutin und werde endlich(!) diagnostiziert.
Juni 2018Ich kriege auf einmal brutale Kopfschmerzen: eine halbe Stunde am Rechner oder Lesen und ich habe 24 Stunden Kopfschmerzen. Beginn Krankschreibung, Verdacht auf psychosomatische Symptome.
Frühjahr 2019Ich kriege durch Selbstbeobachtung heraus, dass die Kopfschmerzen fast vollständig von einer Fehlhaltung beim Sitzen herrühren. Seitdem sind die eigentlich im Griff.
Auch im Frühjahr möchte ich berufliche Reha beantragen, da ich mich beruflich umorientieren möchte, weg von der Bildschirmarbeit – und einfach keine Idee habe, was und wie.
Kriege aber gesagt, ich muss vorher eine psychosomatische Reha machen. Beantrage ich. Und nach einigem Warten kriege ich eine für den Sommer genehmigt.
Sommer 2019 Rehaklinik meldet sich, sie können mich nicht aufnehmen. Eine andere Klinik muss her.
Herbst 2019Endlich in der psychosomatischen Reha. Komme da Ende November raus und melde mich arbeitsfähig und arbeitslos. Antrag auf berufliche Reha.
Februar 2020Einen Monat Assessment für die berufliche Reha, die dann auch genehmigt wird. Es soll im April losgehen – ein Jahr, nachdem ich eigentlich wollte.
Frühjahr/Sommer/Herbst 2020Corona schlägt so richtig zu: Beginn der beruflichen Reha verzögert sich bis in den Frühsommer; Praktika sind schwierig zu kriegen, besonders im sozialen oder kulturellen Bereich.
Anfang 2021Finde ich eine Stelle zum Ende der Reha. Kriege da aber gleich Panikattacken. (Heute interpretiere ich die so, dass mir mein Körper, mein Unbewusstes die Rote Karte gezeigt haben, weil meine neue Arbeit im Prinzip wieder meine alte Arbeit war: viel hochkonzentrierte Zeit am Bildschirm.)
Raus aus der Firma und in die Arbeitslosigkeit. Mir geht’s echt nicht gut.
Juni 2021Ich gestehe mir ein, dass ich alleine nicht aus der Situation rauskomme und Hilfe brauche. Ich gehe zum zweiten Mal in die Tagesklinik. Und nach 3 (oder 7 oder 20 Jahren, je nachdem, von welchem Zeitpunkt aus ich rechne) kann ich endlich ein paar Dinge erkennen, die nicht passen.
Seit Mitte August 2021Nach der Tagesklinik fühle ich mich besser, bin aber immer noch sehr antriebslos und bekomme praktisch nichts auf die Beine gestellt und bin wieder krankgeschrieben
Das Jobcenter rät mir, Erwerbsminderungsrente (auf zwei Jahre) zu beantragen. Nach längerem Zögern sehe ich ein, dass das wohl eine gute Idee ist.
Die Nachsorge der Tagesklinik schlägt außerdem vor, Rehasport (50 Einheiten) zu beantragen und zu sehen, ob ich psychiatrische Häusliche Krankenpflege (vier Monate) genehmigt bekomme. Auch den beiden Sachen stimme ich nach Zögern zu.

Ach, seit Ende der zweiten Tagesklinik habe ich es irgendwie geschafft mir zwei Erkältungen einzufangen (corona-negativ) und mir mein linkes Knie zu verbiegen. Das hat alles auch nicht geholfen.

Zusammengefasst: Seit 2014 ein paar Jahre ambulante Psychotherapie. Und seit Mitte 2018 zweimal Tagesklinik, einmal psychosomatische Reha und einmal berufliche Reha. Ich denke, ich habe mich echt bemüht wieder auf die Beine zu kommen.

Und heute? Teil 1: Formales

Tja, der Antrag auf Erwerbsminderungsrente geht heute raus. Ungefähr zwei Monate habe ich dafür gebraucht. Nicht ganz so lange wie für diesen Blogbeitrag 🙂

Mit den beiden anderen Sachen (Rehasport, Häusliche Krankenpflege) sieht es ähnlich aus. Ich brauche einfach unendlich lange, um Dinge überhaupt anzufangen. Und dann doppelt so lange, um sie zu Ende zu bringen.

Durch die lange Krankschreibung ist das Arbeitslosengeld ausgesetzt, ich bekomme Krankengeld. Und weil Krankengeld von Arbeitslosengeld von einer halben Stelle definitiv zu wenig ist, auch noch Hartz IV.

Und heute? Teil 2: Wie geht es mir mit alledem?

Einfache Frage, komplizierte Antwort.

Über lange Strecken fühle ich … nichts. Bin gefühlstaub. Noch nicht mal genervt davon, dass ich nicht vorwärtskomme. Statt der rosaroten habe ich die graue Brille auf. Alles ist einfach irgendwie fad. Ich stehe neben mir und der Welt und ich beobachte alles nur, nichts geht mich irgendwas an. Beziehungsweise: So war es vor allem in der ersten Jahreshälfte. Ich habe diese Phasen immer noch, aber deutlich seltener und kürzer. Ausnahme: Die letzten zweieinhalb Wochen mit Knie und Erkältung.

Dann wieder bin ich gereizt, genervt von mir und Welt (aber vor allem von mir) und will einfach nur meine Ruhe haben.

Und – Dank Corona und vor allem Klimakrise – auch viel Hoffnungs- Sinn- und Hilflosigkeit. Aber das ist einen eigenen Beitrag wert.

Aber gerade in den letzten vier, fünf Wochen gibt es auch hoffnungsvolle Entwicklungen. Alles noch sehr, sehr zarte Pflänzchen. Und noch ziemlich in der Erde. Soll heißen, ich spüre Veränderungen, sie zeigen sich aber noch nicht wirklich in meinen Handlungen.

Klingt alles geheimnisvoll und vage? Ist es. Auch (noch) für mich.

Wie geht’s weiter?

Wie gesagt, heute geht der Antrag auf Erwerbsminderungsrente raus. Nächste Woche habe ich mein erstes Erstgespräch bei einer ambulanten Therapeutin. Mit Glück habe ich also (relativ) bald wieder professionelle Unterstützung.

Meine Wunschvorstellung wäre folgende:

  • Die Erwerbsminderungsrente wird genehmigt und ich habe zwei Jahre Zeit mich wieder vom Kopf auf die Beine zu stellen. Ohne dass ich irgendwelche weiteren Anträge stellen oder ständig zum Arzt laufen muss wegen Verlängerung der Arbeitsunfähigkeit.
  • Mit Hilfe der Psychotherapie arbeite ich weiter an den Baustellen, die ich in den letzten Monaten aufgemacht habe und stelle mich selbst psychisch auf ein neues, solideres Fundament.
  • Mit Hilfe des Rehasports tue ich das gleiche für meine Fitness.
  • Und mit Hilfe der psychiatrischen Häuslichen Krankenpflege kriege ich den Start hin, um meine Alltagsaufgaben wieder in den Griff zu bekommen.

Und dann? Vielleichte Ehrenamt, Theater, Praktika und/oder Hospitationen, um mich auszuprobieren, unter Menschen zu kommen und hoffentlich dabei auch etwas Sinn und Lebensfreude wiederzuentdecken.

Und nicht zuletzt wünsche ich mir, dass ich es hinkriege, wieder häufiger hier zu schreiben.

Danke für deine Aufmerksamkeit!

Du findest diesen Beitrag gut? Oder möchtest mich aus reiner Herzensgüte unterstützen?

Dann hast du mehrere Möglichkeiten, das zu tun:

Abonniere meine Beiträge. Entweder per Mail oder RSS Feed. Beides findest du rechts in der Seitenleiste.

Trag dich in meinen Newsletter ein. Ich weiß zwar noch nicht, wann und wie häufig er erscheinen wird – oder was überhaupt drinstehen wird -, aber ich würde mich sehr freuen. Und hier kannst du ihn abonnieren.

Schreib einen Kommentar. Ich freue mich über Anmerkungen, Fragen, Ergänzungen, ja sogar Korrekturen. Ich hoffe nämlich, dass hier eine kleine Gemeinschaft rund um „meine“ Themen entstehen wird.

Teile diesen Artikel. Egal, ob mit Freunden oder Feinden. Z.B. per Facebook, Twitter, LinkedIn, XING, WhatsApp oder E-Mail.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
2 Comments
Alt
Neu
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anschauen
Stefanie Müller

Danke für den Einblick in Dein Leben. Ich kenne depressive Phasen, aber nicht die Tiefen, in denen du steckst. Aber meine Phasen reichen mir völlig. Das was du beschreibst, kenne ich im Ansatz. Als würde ich am Tor zu diesem Land stehen, die Schwere schon riechen, die Fesseln spüren, die sich ums Herz schlingen und die Seelenfunken rauben. Aber immer noch den Schritt raus schaffe. Fühlt sich an wie der Trailer zu einem Pixarfilm…. Ich wünsche dir Kraft und Ausdauer und ein Licht im Land der Graue, das dir hilft den Weg rauszufinden. Oder die Stellen zu finden, an denen… Weiterlesen »

W-a-k-e-f-i-e-l-d_661

Danke für die guten Wünsche. Und noch mehr dafür, dass du deine Erfahrung teilst. Es tut immer gut zu wissen, dass ich nicht allein bin.
Ich wünsche dir auch alles Gute!

2
0
Deine Meinung interessiert mich.x
()
x
Scroll to Top