Anfang Juli habe ich meine Bestandsaufnahme veröffentlicht – und bin immer noch ziemlich platt von den Rückmeldungen. Ihr habt mir mehr als zwei Dutzend Rückmeldungen zukommen lassen: als Kommentare unter dem Blogbeitrag; als Reaktionen auf Facebook und Twitter; und direkt per Mail oder WhatsApp. Und (fast) alle waren positiv. Ganz, ganz herzlichen Dank!

Es gab viele Reaktionen, die mich einfach nur gefreut haben. Aber es gab auch ganz speziell zwei, die mich nachdenklich gestimmt haben.

Und es gibt einen Grund, warum ich so lange für diesen Beitrag gebraucht habe und nur einen einzigen anderen Beitrag zwischendurch geschrieben habe. Fangen wir mal damit an.

Hochstaplersyndrom – Wenn ich weitermache, erwischt mich die Kreativpolizei

Oder wie Neil Gaiman und seine Frau sie nennen, die Fraud Police, die Betrugspolizei.

Vielleicht kennst du das auch: Du tust etwas, im Beruf oder im Hobby, und alles scheint zu funktionieren. Niemand meckert, vielleicht kriegst du sogar Lob. Doch insgeheim denkst du dir immer wieder „Ich habe keine Ahnung was ich hier mache!“ Oder „Warum lobt der mich jetzt? Das kann doch jeder machen. Das kann nicht ernst gemeinst sein.“ Oder „Beim nächsten Mitarbeitergespräch kriege ich die Kündigung nahegelegt, die haben rausgekriegt, dass meinen Job jeder andere viel besser machen kann.“

Und das alles ohne Grund. Du bist der einzige Mensch weit und breit und vielleicht überhaupt, der an deinen Fähigkeiten zweifelt. Und das heißt dann wunderbar Hochstapler-Syndrom.

Genau das hat mich nach meiner Bestandsaufnahme hier überfallen: „Der nächste Beitrag muss mindestens genauso gut zu lesen sein. Aber das geht nicht, das war doch jetzt ein Zufallstreffer.“ Und eben so etwas. Als ich dann merkte, dass der Beitrag schon drei Wochen her war, wollte ich am liebsten schon wieder alles löschen, was ich schon geschrieben hatte. Schließlich hat das ja keinen Wert, wenn ich soooo lange dafür brauche, gell?

Glücklicherweise konnte ich mich jetzt wieder aufraffen. Beim Schreiben fiel mir dann auch wieder ein, dass es egal ist, ob du, ob ihr diesen oder irgendeinen anderen Artikel genauso sehr mögt: Der Grund, warum ich angefangen habe zu bloggen, ist ja nicht gemocht zu werden. Sondern andere auf dem Laufenden zu halten und mir selbst (und vielleicht anderen) zu helfen.

Das Hochstapler-Syndrom hat jetzt also erst einmal Stubenarrest in meiner Gefühls-WG bekommen. Aber es wird bestimmt wieder rauskommen, um zu spielen.

Die Reaktionen, die mich einfach nur gefreut haben

Mutig, offen, (brutal) ehrlich. Das sind die Sachen, die ihr mir am häufigsten gesagt habt. Häufig habe ich auch gehört, dass ihr euch selbst (zumindest teilweise) wiedergefunden habt in den Dingen, die ich beschrieben habe. Und das wiederum hat mir sehr gutgetan. Es ist immer wieder beruhigend zu hören, dass ich nicht allein mit meinen Erfahrungen bin. Obwohl ich das nämlich eigentlich weiß, glaube ich es mir nicht immer selbst. Und auch das ist eine Erfahrung, die ich schon von vielen gehört habe.

Außerdem habt ihr mir immer wieder gesagt, wie gut ich schreibe. Damit hatte ich ganz ehrlich am allerwenigsten gerechnet. Nicht weil ich denke, ich schreibe schlecht (irgendwo müssen sich Studium und Berufserfahrung ja bemerkbar machen), sondern weil ich mir so viele Sorgen und Gedanken um die inhaltlichen Reaktionen gemacht habe. Und so unerwartet dieses Lob ist und war, so sehr freut es mich auch. Also abgesehen vom dadurch ausgelösten Hochstaplersyndrom. Darauf hätte ich gut verzichten können 🙂

Und es scheint, dass es nicht nur mir guttut, wenn ich die Türen und Fenster aufreiße, um Licht und Luft reinzulassen. Einige von euch haben gesagt, dass ihr es gut findet, dass ich dabei helfe, das Thema Depression bzw. psychische Gesundheit öffentlicher, ehrlicher und transparenter zu machen. Das ist natürlich ein hohes Lob (und ein hoher Anspruch), aber ich hoffe, ich kann zumindest einen kleinen Beitrag leisten, damit wir alle selbstverständlicher mit diesen Themen umgehen können.

Ich kann natürlich nicht garantieren, dass auch du positive Reaktionen bekommst, wenn du offen über deine psychischen Probleme sprichst. Ich kann nur meine persönliche Erfahrung weitergeben: je offener, je ehrlicher – und vor allem je selbstverständlicher und ohne Selbstmitleid – ich über meine Probleme rede, desto positiver sind die Reaktionen.
Was eigentlich ja auch kein Wunder ist: Ungefähr jede*r dritte Mensch in Deutschland hat in jedem Jahr behandlungswürdige psychische Probleme. Jede*r sechste Mensch hat depressive Störungen.
Die Chance, dass dein Gegenüber also selbst betroffen war oder ist, ist groß. Und auch, dass sie/er jemanden kennt, die/der betroffen ist oder war.
Mit anderen Worte: Du bist nicht allein – auch wenn sich das häufig so anfühlen mag!

Zwei Reaktionen, die mich nachdenklich gestimmt haben

„Nicht mal depressiv sein kann ich richtig!“

Das schrieb mir ein depressiver Mensch, den ich gut kenne. Mensch meinte, dass es bei mensch ja ganz anders wäre, z.B. wäre immer noch Arbeiten und Sport möglich, auch wenn es viel Kraft kostet.

Das hat mich im ersten Moment echt geschockt. Wie gesagt, ich kenne diese Person und weiß, wie sie zu kämpfen hat. Aber dann fiel mir ein, wie lange ich mich allein mit der Idee rumgeschlagen habe, ich könnte eine Depression haben. Weil, ich konnte ja arbeiten und hatte auch gute Tage.

Tatsache ist, dass allein die offizielle Definition von Depression verschiedene Arten und Stärken unterscheidet. Es gibt z.B. das hierzulande verwendete ICD-10 von dem auch die netten Codes auf unseren Krankschreibungen kommen.
(ICD – International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems – Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme)
Aber es gibt auch das amerikanische DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen).
Und die beiden sind sich nicht einig, was die Definitionen und Ausnahmen angeht.

Zweitens tritt Depression häufig zusammen mit anderen Erkrankungen auf wie einer Angststörung. Manche meinen auch, dass z.B. ein Burn-out „nur“ eine Variante der Depression ist.
Es gibt auch Untersuchungen dazu, ob es tatsächlich eine einheitliche Beschreibung der Krankheit Depression gibt, wenn man die Betroffenen fragt, statt Statistik zu machen. Und bei der Befragung schient es da wenig bis keine Übereinstimmung mit dem diagnostischen Handbuch zu geben.

Was ist also der „korrekte“ Weg, depressiv zu sein? Ich weiß es nicht. Aber wenn die Diagnose dazu führt, dass du Hilfe bekommst, um dein Leben in den Griff zu kriegen, dann finde ich das persönlich und praktisch erst mal ausreichend.

„Warum hast du das öffentlich gemacht?“

Die Frage hatte ich tatsächlich im Vorfeld schon befürchtet. Und sie kam dann vor allem beim Reden in der Familie hoch. Die Antwort ist für mich einfach, ich weiß aber nicht, ob sie für andere ausreicht. Lasst es mich wissen.

Ich habe meine Bestandsaufnahme öffentlich gemacht, weil …

… es mir hilft und mich eine potenzielle Leserschaft motiviert, überhaupt meine Hausaufgaben zu machen.

… ich hoffte, ich könnte damit auch anderen helfen. Was sich ja auch als richtig herausgestellt hat.

… es einfach an der Zeit ist, mit diesen Problemen öffentlich umzugehen. Die Statistiken darüber, wie häufig psychische Probleme sind, sind erschreckend. Und wenn die Zahlen mit dem dahinterstehenden menschlichen Leid multipliziere, dann müssen wir was dran tun. Und bevor wir was dran tun können, brauchen wir die öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung.

… irgendwo auch ein Gegengewicht dazu geschaffen werden muss, dass psychische Erkrankungen in den Nachrichten fast immer nur im Zusammenhang mit Gewalttaten genannt werden.

Meine größten Belohnungen

Was mich ganz persönlich am meisten berührt hat, sind die Gespräche, die ich Dank des Blogbeitrags führen konnte: mit einer Bekannten, die ich lange aus den Augen verloren hatte; mit mehreren Menschen aus meiner Familie. Gespräche, die tief und persönlich waren. Gespräche, die ich vorher in dieser Form mit diesen Menschen noch nicht hatte.

Meine Theorie ist ja, dass sich andere mir gegenüber leichter öffnen und auch über ihre tiefsten menschlichen Probleme und Erfahrungen reden können, weil ich sozusagen „in Vorleistung“ getreten bin: Sie müssen sich keine Gedanken darüber machen, ob ich sie ernst nehme oder nicht.
„Vertrauensvorschuss“ ist da vielleicht ein passendes Wort.

Am meisten gefreut hat mich, dass eine Verwandte gesagt hat „Vorher wollte ich dich einfach gerne mal schütteln, damit du aufwachst und vorankommst. Jetzt verstehe ich, was tatsächlich los ist.“ Allein diese beiden Sätze wiegen alle Anstrengungen mehr als auf, die mich die Bestandsaufnahme gekostet hat.

Ich fühle mich immer sehr berührt, wenn sich jemand mir gegenüber öffnet. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das sehr schwer sein kann – bis an den Rand einer Panikattacke. Glücklicherweise habe ich aber lernen dürfen, dass Offenheit und Verletzlichkeit nicht tödlich sind. Zumindest bisher nicht 😉

Noch einmal: Danke!

Ich habe es oben schon geschrieben. Und ich habe hoffentlich auf jeden Kommentar, auf jede Reaktion der letzten Woche geantwortet. Aber noch einmal: Danke. Ganz, ganz tiefen und herzlichen Dank für all euren Zuspruch, eure Ermutigung – und ganz einfach fürs Lesen.

Quellen

Hochstapler-Syndrom in der deutschen Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Hochstapler-Syndrom

Neil Gaimans Rede zu einer Abschlussklasse im Jahr 2012 (englisch). Der Link führt an die Stelle, an der er über die Probleme des Erfolgs redet. Aber die ganze Rede ist es wert, dass du sie dir anhörst: https://www.youtube.com/watch?v=plWexCID-kA&feature=youtu.be&t=420

Ärzteblatt PP 02/2013 zur Häufigkeit psychischer Probleme in Deutschland: https://www.aerzteblatt.de/archiv/134430/Psychische-Erkrankungen-Hohes-Aufkommen-niedrige-Behandlungsrate
Die häufigsten Probleme sind Angststörungen, Alkoholsucht und Depression.
Aktuellere Zahlen zur Gesamtsituation habe ich nicht gefunden, wäre da für welche dankbar. Ich gehe aber mal davon aus, dass sie sich nicht zum Besseren geändert haben.

Nachrichten Ärzteblatt, 27. Juni 2019 zur Häufigkeit von Depressionen: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/104225/Jeder-sechste-gesetzlich-Versicherte-von-depressiven-Stoerungen-betroffen

Psychenet zur Häufigkeit von Depressionen: https://psychenet.de/de/psychische-gesundheit/informationen/depressionen.html

Interview mit einem Forscher mit dem provokanten Titel „Es gibt keine Depressionen“. Hier habe ich auch die Aussage her, dass die persönlichen Beschreibungen der Betroffenen nicht so richtig mit der offiziellen diagnostischen Beschreibung überein zu bringen sind.
https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/es-gibt-keine-depressionen/

ICD-10 auf Deutsch, Abschnitt über affektive Störungen: https://www.icd-code.de/icd/code/F30-F39.html

Beschreibung der „Major Depressive Disorder“ nach DSM-5 auf Deutsch: https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/psychische-st%C3%B6rungen/affektive-st%C3%B6rungen/depressive-st%C3%B6rungen

Noch mehr zu Depressionen nach ICD und DSM und den Unterschieden auf Deutsch: https://www.leitlinien.de/nvl/html/depression/kapitel-2

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